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Im Blog von Peter und Ursula Schäublin berichten wir von Aktualitäten rund um unser Grafikatelier 720 Grad, über Fotografie und Film, Kajaken und weitere Aktivitäten.

Fotografierst du noch oder lytrografierst du schon?


Testbericht über eine neue Kameratechnologie // verfasst im Auftrag von fotointern.ch, der grössten Webplattform für Fotografie in der Schweiz


Verändert eine neue Technologie den Fotomarkt?


Stellen Sie sich vor, man könnte Licht nicht nur als ganz viele Punkte, sondern als ganz viele Strahlen aufnehmen. Statt dass wir einfach nur Fläche, Farbe und Intensität des auf einen Sensor auftretenden Lichts aufnehmen, registrieren wir zusätzlich die Richtung und die Länge jedes Lichtstrahls. So in etwa würde ich als technischer Laie in knappen Worten den Unterschied zwischen konventioneller Fotografie und Lichtfeldfotografie beschreiben.


Die Idee ist nicht neu, nur ...

1826 nimmt Nicéphore Nièpce ein Bild auf, das als erste Fotografie gilt. Die klassische Fotografie ist also rund 190 Jahre alt. Seit Nièpces Bild entwickelt sich die Fotografie kontinuierlich weiter und – ich denke das darf man sagen – ist zu einem essentiellen Bestandteil unseres Lebens und unserer Kultur geworden. Das auf eine Fläche auftretende Licht sichtbar machen – das ist Nièpce gelungen.

 Das älteste erhaltene Foto, aufgenommen von Nicéphore Nièpce: Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras, 20 x 25 cm. Durch die achtstündige Belichtungszeit erscheinen die Gebäude rechts und links sonnenbeschienen (Quelle: Wikimedia.org)

Das älteste erhaltene Foto, aufgenommen von Nicéphore Nièpce: Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras, 20 x 25 cm. Durch die achtstündige Belichtungszeit erscheinen die Gebäude rechts und links sonnenbeschienen (Quelle: Wikimedia.org)

Im Jahr 1908 legt der französische Physiker und Nobelpreisträger Gabriel Lippmann die theoretischen Grundlagen für die Lichtfeldfotografie. Doch niemand kann sein Wissen für die Praxis nutzen. Zu komplex sind die Anforderungen an ein Gerät, das auch die Richtung des einfallenden Lichtes aufzeichnen kann. Die Lichtfeldfotografie fällt, bevor sie eigentlich so richtig das Licht der Welt erblickt, in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst in rund hundert Jahren erwachen wird ...

 

Ist die letzte Revolution in der konventionellen Fotografie auch deren Totengräber?

Mit der Digitalfotografie wird eine Revolution im Bereich der Fotografie eingeläutet. Das Licht wird nun nicht mehr von einem chemischen Film, sondern von einem Sensor aufgezeichnet. 1991 stellt die kalifornische Firma DyCam die erste Digitalkamera vor. Sie hat eine Auflösung von 376 x 284 Bildpunkten. Viele belächeln diesen neuen Weg in der Fotografie. Einigen bleibt das Lachen dann im Hals stecken. Denn in einem rasanten Tempo verbessert sich die Digitalfotografie und löst in weniger als zwei Dekaden das chemische Verfahren ab.

Irgendwann wird einem hellen Kopf klar, dass die Digitalfotografie die Grundlage für die praktische Umsetzung der Lichtfeldfotografie legt. Denn – einfach und laienhaft gesprochen – man muss jetzt nur noch eine zweite Ebene mit Linsen vor den Sensor legen, um den eintretenden Lichtstrahl an zwei Punkten zu messen. Gelingt dies, kann man nebst Farbe und Intensität auch den Weg des Lichts aufzeichnen.

Natürlich ist sogar einem Laien wie mir klar, dass dies in der Theorie einfach tönt, in der Praxis aber mit gewaltigen Herausforderungen verbunden ist. Eine davon ist die Menge der Informationen, die zu bewältigen ist, wenn man das Licht nicht mehr nur als Punkt, sondern als Weg aufzeichnen will. Doch die Zeit bleibt ja nicht stehen, und alle für die Lichtfeldfotografie notwendigen Komponenten – allen voran Sensoren und Prozessoren – werden konstant weiterentwickelt.


Wer hät’s erfunde?

2012 – ziemlich genau 20 Jahre nach DyCams Präsentation der ersten Digitalkamera – stellt mit Lytro wiederum eine kalifornische Firma die erste Lichtfeldkamera vor. Sie sieht eher wie eine Mischung von Kaleidoskop und Überwachungskamera aus und liefert ein in der Praxis nicht gerade unbedingt brauchbares Lichtfeldbild. Doch es funktioniert. Und wenn etwas einmal funktioniert und es einen grösseren Nutzen als das ältere Verfahren bietet, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das neue Verfahren das alte ablöst.

 Links: Lytro first Generation von 2012, 11 Megarays. Rechts Lytro Illum von 2014, 40 Megarays

Links: Lytro first Generation von 2012, 11 Megarays. Rechts Lytro Illum von 2014, 40 Megarays


Bleibt wieder einigen das Lächeln im Hals stecken?

Die Lichtfeldfotografie denkt nicht in Megapixeln, sondern in Megarays. Ein Ray ist ein Lichtstrahl. Die erste Lytrogeneration kann 11 Megarays, also 11 Millionen Lichtstrahlen, aufzeichnen. Und nun, nur zwei Jahre später, stellt Lytro mit der Illum eine Kamera vor, die 40 Megarays, aufzeichnen kann. Zudem sieht die Illum nicht mehr wie ein Kinderspielzeug, sondern wie eine Kamera das 21. Jahrhunderts aus. Der Lytro-Stand wird an der Photokina fast permanent belagert, und die ersten Kameras, die knapp drei Wochen vor der Photokina in den Verkauf gelangen, gehen weg wie die warmen Semmeln. Obwohl HTC ein Smartphone mit Lichtfeldfotografie anbietet und Nokia sich mit Pelican Imaging auch in diese Richtung bewegt, ist Lytro zur Zeit die Firma auf dem Spielfeld, welche die neue Technologie mit einer enormen Pace vorantreibt. Wer weiss – vielleicht fängt man bald an, von Lytrografie zu sprechen.


Was macht denn die Lytrografie so einzigartig?

Wenn man das Licht wie eingangs erklärt nicht nur als Fläche, sondern als Raum erfasst, hat man als Ausgangsmaterial nicht mehr nur ein zweidimensionales Datengebilde, sondern ein dreidimensionales Raumgebilde – ein Würfel statt eine Fläche. Damit kann man – erster Nutzen – problemlos ein 3D-Bild erzeugen. Ein weiterer Nutzen ist, dass der Anwender im Nachhinein seine Schärfenebene in diesem Raum beliebig platzieren und die Schärfentiefe selbst wählen kann. Physische Gesetzmässigkeiten, die mir offen gesagt verschlossen geblieben sind, limitieren wohl diesen Raum in gewissem Mass, aber er ist gross genug für faszinierende Spielmöglichkeiten. So kann man das Auge in einem Bild durch eine kleine Animation mit sich verschiebendem Schärfepunkt von einem Bildobjekt zum anderen leiten und eine kleine Geschichte erzählen. Oder aber man visualisiert auf einem Screen die ganze Fülle der Lichtfelddatei, und die/der Betrachter/in kann selbst mit einem Fingerdruck auf den Touchscreen oder einem Mausklick denjenigen Punkt anwählen, den sie/er in die Schärfe nehmen will. Oder aber man verändert die Blende nachträglich und verkleinert oder vergrössert so die Tiefenschärfe. Plötzlich tun sich also nebst dem konventionellen Bild – das ja nach wie vor in seiner Form auch in der Lytrografie aus den gesammelten Daten visualisiert werden kann – noch ganz andere Möglichkeiten der Visualisierung auf. Und stellen Sie sich jetzt einmal vor, dass all das nicht nur für ein Stillimage, sondern auch für Film möglich wäre: Sie filmen munter drauf los, ohne sich gross um die Platzierung des Schärferaums zu kümmern und editieren ihre Schärfenebene und ihren Schärferaum nachträglich in der Software. Oder mit einem Klick exportieren Sie aus Ihrem Datenmaterial einen 3D-Film. Oder, oder, oder ... Die Phantasie wird angeregt und fängt an, ganz eigene Anwendungsmöglichkeiten zu erdenken, die mit dem Datenmaterial einer Lytrografie umsetzbar sind.

Die Lytro-Kamera erfasst den gesamten Motivraum, indem die Lichtstrahlen durch ein Mikrolinsen-Raster im proprietären Lytro Lichtfeld-Sensor in Lichtkegel aufgebrochen und von mehreren Pixeln erfasst werden. Aus der Winkelinformation der Lichtkegel (4D-Lichtfeld), der Intensität und der Farbe konstruiert nun die Software ein Bild, in welchem jede beliebige Schärfeebene angewählt und scharf dargestellt werden kann. (Quelle: Dissertation des Lytro-Erfinders Ren Ng)


Wo stehen wir heute?

Ich habe der Einladung von Lytro Folge geleistet und der Firma in Mountain View einen Besuch abgestattet. San Francisco, das ganz in der Nähe liegt, bietet sich als Spielwiese für meine ersten Gehversuche mit der Lichtfeldfotografie an. Lytro gibt sich sehr viel Mühe, die Illum als eine neue Kamerageneration zu positionieren. Augenfällig wird das schon beim futuristischen Design der Kamera, und beim Auspacken, dem sogenannten Unboxing vertieft sich dieser Eindruck. Es fühlt sich eher an, als würde man ein iPhone denn eine Kamera auspacken. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass Apple auch ein Patent hält, das in Richtung Lichtfeldfotografie zielt. Jason Rosenthal, CEO von Lytro, sagt dann auch, dass man bei der Entwicklung der Illum-Usability den Tablet- und Smartphone-Nutzer vor Augen hatte. Auch ich bin unterdessen, als junggebliebener Mann in den besten Jahren ;-), geprägt von der Nutzung der unzähligen i-Geräten, so konditioniert, dass ich bei einem neuen Gerät erst mal mit den Fingern auf dem Screen herumtippe und –streiche. Und siehe da, bei der Lytro Illum funktioniert das wunderbar. Eigentlich ganz intuitiv, mit ein klein wenig Hilfe von der Lytro Crew, konfiguriere ich die Illum. Das geht übrigens so weit, dass ich sogar die beiden Ringe für Fokussierung und Zoomen individuell wählen kann. Ja – Sie lesen richtig – auch bei der Lytro Illum muss man fokussieren, denn der abbildbare Schärfenraum hat – wie vorher erwähnt – durch physikalische Gesetzmässigkeiten seine Grenzen. Mit der Fokussierung kann ich diesen Schärferaum nach vorn oder nach hinten schieben. Wenn ich etwas daneben bin mit der Fokussierung tut das allerdings nichts zur Sache. Und damit fängt das Umdenken an ...

Lytro Illum
 «Ground control, it‘s Lytro Illum». Erster Kontakt mit der leicht ausserirdisch wirkenden Kamera im Hotel. Ich bin durchaus angetan, wie man sieht ... (Fotos: Matthias Fend)

«Ground control, it‘s Lytro Illum». Erster Kontakt mit der leicht ausserirdisch wirkenden Kamera im Hotel. Ich bin durchaus angetan, wie man sieht ... (Fotos: Matthias Fend)


Fotografie neu denken

Ich weiss nicht, wie viele Fotos ich in meinem Leben schon gemacht habe, aber es sind nicht wenige. Das Lytro-Team predigt uns aber immer wieder, dass der Prozess der Lichtfeldfotografie einiges an Umdenken verlangt. Es sei hier nochmals erwähnt: Ich kann mit der Lytro Illum wie mit einer konventionellen Digitalkamera arbeiten. Die Qualität der 2D-Bilder ist noch nicht so hoch wie bei einer «normalen» Digitalkamera und die Auflösung der 2D-JPG’s liegt bei vier Megapixeln, was für Flickr und Prints bis A3 mit durchschnittlichem Qualitätsanspruch – und damit für rund 95,3448% aller Anwendungen – reicht. Doch wir wollen ja die Stärken der neuen Technologie auskosten. Nicht mehr die Komposition eines 2D-Bildes ist gefragt, sondern die Komposition einer 3D-Szene. Das Verhältnis von Vorder-, Mittel- und Hintergrund, das ja schon in der konventionellen Fotografie für die Tiefenwirkung essentiell ist, gewinnt noch mehr an Bedeutung. Kann ich ein Bild so aufbauen, dass die verschiedenen Ebenen unabhängig voneinander entdeckt werden können und der/dem Betrachter/in so eine kleine Geschichte erzählen? Oder finde ich ein Objekt, das in 3D besonders spannend wirkt?

Ein Beispiel
Szene in der Kirche. Die Braut steckt dem Bräutigam gerade entzückt den Ring an den Finger. Im Hintergrund weint die Mutter vor Rührung, und im Vordergrund zerplatzt auf dem Gesicht der Nichte des Bräutigams grad just in diesem Moment eine Kaugummiblase. In der konventionellen Fotografie kann ich mit meinem Bild nur eine dieser drei Geschichten erzählen. Je nach Wahl der Tiefenschärfe – die in der Kirche meist relativ klein ist – konzentriere ich mich auf eines der drei Ereignisse. 
Mit einer Lytrografie erfasse ich den ganzen Raum, in der diese Geschichte stattfindet. Im Nachhinein kann ich selbst entscheiden, in welcher Form ich die/den Betrachter/in diese Geschichte entdecken lasse – durch eine kleine Animation, in der die Schärfe von einer Geschichte zur nächsten wandert, durch ein Bild, bei dem sie/er die Schärfe selbst wandern lassen kann durch ein Bild, in dem ich die Blende nachträglich schliesse und alles in die Schärfe stelle, durch einen Print davon oder durch drei Prints, bei denen ich bei jedem die Schärfe auf eine der drei Geschichten konzentriere.

Soweit das Fallbeispiel. Es leuchtet ein. Es macht Sinn. Die Herausforderung für den Fotografen in der Praxis ist nun das enstprechende Umdenken: Ich schäle nicht mehr ein Motiv aus der Fülle des Raums – was ja bei ganz vielen konventionellen Fotos das Ziel ist – sondern ich erfasse mit meinem Auge den ganzen Raum mit seinen Geschehnissen. Ich wähle meinen Standpunkt so, dass ich in diesem Raum verschiedene Geschehnisse – oder eben Geschichten – miteinander verbinden kann. Nach einigen Stunden Arbeiten mit der Lytro Illum merke ich, dass diese alten Denkmuster stärker verankert sind, als ich mir eingestehen will. Gleichzeitig merke ich aber, wie das Aufspüren solcher Geschichten enorm Spass macht. Dabei lässt sich die Kamera eigentlich wie eine normale DSLR bedienen. Nur die Zeitautomatik mit Blendenvorwahl vermisst man – ach ja, ist doch logisch, die Blende müssen wir ja bei der Aufnahme gar nicht mehr definieren. Im wertigen Magnesiumgehäuse, mit Blitzschuh und Stativanschluss präsentiert sich die Lytro schon wie eine richtig erwachsene Kamera. Sie ist im Vergleich zu anderen spiegellosen Kameras etwas gross, doch das liegt an der Masse von Technik, die im Gehäuse Platz finden muss und an der stolzen Lichtstärke des Objektivs.

 Der Schärferaum ist auch bei der Lytro nicht unbegrenzt. Der Farbbalken rechts zeigt meine Schärfezone: Orange hinter meinem fokussierten Schärfepunkt, blau davor. Über einen Button kann ich sichtbar machen, welche Punkte im Bild im Schärfebereich liegen. Der aufmerksame Betrachter wird feststellen, dass bei den Bilddaten die Blendangabe fehlt – denn die braucht‘s ja nicht mehr. Der Screen ist etwas dunkel, was beim Fotografieren in heller Umgebung herausfordernd sein kann.

Der Schärferaum ist auch bei der Lytro nicht unbegrenzt. Der Farbbalken rechts zeigt meine Schärfezone: Orange hinter meinem fokussierten Schärfepunkt, blau davor. Über einen Button kann ich sichtbar machen, welche Punkte im Bild im Schärfebereich liegen. Der aufmerksame Betrachter wird feststellen, dass bei den Bilddaten die Blendangabe fehlt – denn die braucht‘s ja nicht mehr. Der Screen ist etwas dunkel, was beim Fotografieren in heller Umgebung herausfordernd sein kann.

Als die Lytro-Crew nach einigen Stunden die SD-Karte aus «meiner» Illum nimmt, um die Bilder auf einen Rechner zu überspielen, damit wir sie am Folgetag analysieren können, fühle ich mich fast ein wenig nackt – oder zumindest der Möglichkeit beraubt, weitere Geschichten zu entdecken und festzuhalten. Azmar Ahzaad von Lytro hat übrigens eine interessante Frage in den Raum gestellt: «Ist Lytro eine Fotofirma, eine Computerfirma oder eine Softwarefirma?» Diese Frage spiegelt etwas von der Entwicklung in der Kameraindustrie wieder. Die mechanisch-optische Welt und die Softwarewelt verwachsen immer mehr miteinander. So werden Objektive heute beispielsweise nicht mehr bis zum Letzten optimiert, weil sich Abbildungsfehler problemloser über die Software als über die Optik und Mechanik korrigieren lassen. Dem Nostalgiker in mir gefällt das gar nicht, denn ein richtig gutes Objektiv ist immer noch etwas sehr Wertiges. Dem Enthusiasten in mir sagt diese Entwicklung jedoch zu. Im Bezug auf den Objektivbau kann es nämlich bedeuten, dass ich eine leichtere und günstigere Linse bekomme, die im Endeffekt dieselbe Abbildungsleistung wie ein Top-Objektiv hinkriegt. Das Lytro-Team ist laufend daran, die Grenzen zwischen Optik, Mechanik und Elektronik zu verschieben. Kein Wunder, weiss Azmar nicht so ganz genau, was für eine Firma Lytro ist. Nach einigem Nachdenken kommt er mit einem Lächeln zum Schluss, wie er das Dilemma löst: «Well, we are a storytelling company.» Das ist natürlich eine der Kernaufgaben der Fotografie, und Lytro fühlt sich diesem sehr verpflichtet.


Beispiel 1

Lytro Illum Beispiel Fotos: Peter Schäublin

Bild oben
Fotografie konventionell: Im Vordergrund ein Feldstecher, im Hintergrund Alcatraz. Fuji X30, 24.6 mm, 1/1250 sec, F8. Ich wollte den Feldstecher in die Schärfe nehmen und Alcatraz mit leichter Unschärfe zeigen. Einmal abgedrückt, ist das Resultat in Stein gemeisselt.

Bilder unten
Mit einem Lichtfeldbild kann ich im Nachhinein den Schärfepunkt wandern lassen. Sie können dieses Bild und weitere Aufnahmen als Lytrografie auf meinem Lytro-Account ansehen. Mit der Lytro-Software kann ich im Nachhinein die Blende frei zwischen f 1.0 und f 16 wählen und mir das Bild mit der entsprechenden Schärfentiefe als JPG herunterschreiben. Das dauert mit meinem etwas betagten MacBook Pro eine Weile, aber es funktioniert tadellos. Der Feldstecher ist nicht 100% scharf, weil ich es mit dem Schärferaum bis an die Grenze getrieben habe. Links f2, rechts f16. Noch einmal der Hinweis: Diese zwei Bilder wurden aus demselben File heraus entwickelt.

lytro illum - alcatraz - f16

Ich kann das Bild aber auch auf den Lytro-Server spielen (kostenlos), damit der Betrachter selbst die verschiedenen Ebenen im Bild entdecken kann:

 

Beispiel 2

Bid oben
Fotografie konventionell: Fremdländische Schönheit vor nebelverhangener Golden Gate Bridge. Fuji X30, 13.2 mm, 1/1250 sec

Bilder unten
Auch hier habe ich aus dem Lytro-Datenstamm das Bild mit f1 – einmal mit Schärfe auf der Brücke, einmal mit Schärfe auf der Dame plus ein File mit f16 herausgeschrieben (für vergrösserte Ansicht auf das Bild klicken).

Auch hier wieder das Bild zum «Herumspielen», das ich auf den Lytro-Server geladen habe:

Fotografie konventionell: Fremdländische Schönheit vor nebelverhangener Golden Gate Bridge. Fuji X30, 13.2 mm, 1/1250 sec Sie können dieses Bild und weitere Aufnahmen als Lytrografie auf https://pictures.lytro.com/Peter720 ansehen. Auch hier habe ich aus dem Lytro-Datenstamm das Bild mit f1 – einmal mit Schärfe auf der Brücke, einmal mit Schärfe auf der Dame plus ein File mit f16 herausgeschrieben.
 


Was kann man mit den Files anstellen?

Als Newcomer auf dem Markt muss Lytro die Software selbst entwickeln. Die Branchenriesen (oder sollen wir sagen: der Branchenriese?) warten erst einmal ab. Die Lytro-Editiersoftware kann man sich bequem von der Lytro-Homepage downloaden. Wie es sich gehört, gibt es auch ein App für Tablets und Smartphones. Sobald man die SD-Karte der Illum zum ersten Mal in den Computer steckt, öffnet sich die Software, und die Files können importiert werden. Da die Datenmenge pro Bild bei rund 60 MB liegt, dauert das eine Weile. Danach kann man – ähnlich wie man das von Lightroom gewohnt ist – die Bilder in Helligkeit , Farbbalance und Kontrast optimieren. Wer tiefer eingreifen möchte, kann die Bilddatei, die aus neun TIF-Files besteht, exportieren, in Photoshop bearbeiten und dann wieder mit den Lytro-Skripts, die zu jedem Bild mitgeschrieben werden, verknüpfen. Das funktioniert tiptop, ist aber natürlich ziemlich aufwendig. Der absolute Hammer an der Software ist aber der Regler, über den man nachträglich seine Arbeitsblende zwischen f1.0 und f16 frei wählen kann. Aufgenommen werden die Bilder übrigens mit Blende 2.0, egal mit welcher Arbeitsblende und der damit verbundenen Tiefenschärfe man das Bild nachher zeigen möchte. Das Stativ kann also auch dann zuhause bleiben, wenn man grosse Schärfenräume erzeugen will. Auch für Unterwasserfotografen ist die Aussicht, mit Blende 2 grosse Schärferäume erzielen zu können, sicher hochinteressant. 

Nun kann ich mein Lichtfeldbild auf den Lytro-Server spielen. Die Betrachter können dann auf die Zone im Bild klicken, die sie scharf sehen möchten. Zur Zeit müssen die Bilder dafür auf dem Lytro-Server platziert werden, ein Service, den die Firma kostenlos zur Verfügung stellt. Mit Hochdruck arbeitet man hinter verschlossener Tür daran, grosse Bilddienste dafür zu gewinnen, die Lytro-Formate so zu implementieren, dass man sie wie konventionelle JPG-Files aufspielen kann. Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis es soweit ist. Lytro gibt sich da etwas zugeknöpft, aber wir wissen, dass bei einer grossen Bildplattform bereits Tests laufen. Aus der Lytro-Onlineplattform heraus kann ich nun mit einem Klick meine Lytrografie auf Facebook sharen. Dafür wird ein Thumbnail generiert, über das meine Facebook-Freunde dann auf den Lytro-Server gelangen, wo sie mit dem Bild herumspielen können. Zu jedem Bild wird auch ein Embed-Code generiert, über den ich die Bilder auf anderen Websites, so zum Beispiel auf einem Blog, darstellen kann. Mit wenigen Mausklicks kann ich aus der Lytrografie eine Animation erstellen, die ich dann in HD-Auflösung als *.mov exportieren und überall einbinden kann – selbstverständlich auch in meine Filmprojekte.

Für 3D-Freaks ist interessant, dass man mit einem Klick ein 3D-Bild generieren und dieses seinen Freunden auf geeigneten Anzeigegeräten präsentieren kann. Und das rockt richtig, besonders wenn man dann in 3D noch mit der Schärfe variiert. Wir haben einige Fotos auf einem 3D-Bildschirm angesehen, und das sah richtig toll aus.


Wohin geht die Reise?

«Picture Revolution» steht ganz unbescheiden auf der Visitenkarten-Rückseite von CEO Jason Rosenthal. Im Gespräch mit ihm wird klar, dass der Mann genau das im Sinn hat. «Wir haben in zwei Jahren von der ersten Lytro zur Illum einen Quantensprung vorgenommen. Wir sind daran, die Lichtfeldtechnologie in hohem Tempo weiterzuentwickeln. Filmen wird dazu kommen, Wechselobjektive, Blitz, Durchsichtsucher, höhere Auflösung – an allem arbeiten wir mit Hochdruck.» Bei den Objektiven ist der Bedarf nicht so gross. Die Kamera wird mit einem 2.0/28–200 mm geliefert. Vielleicht noch ein extremes Weitwinkel für 3D-Aufnahmen und ein Supertele, und dann hat es sich’s.

Im Bereich der Software ist Jason Rosenthals Vision, dass die grossen Anbieter die Funktionen von Lytro in ihre Programme einbauen. Ganz pragmatisch erklärt er mir, dass das passieren wird, sobald beide Seiten davon profitieren. Und das wiederum wird der Fall sein, wenn Lytro vom Nischenplayer zu einem grössseren Anbieter wird. «Nehmen Sie das Beispiel von RED», führt er aus. «Die Jungs haben einen eigenen Codec eingeführt. Am Anfang hat ihn niemand übernommen. Doch RED ist so gewachsen, dass sie für die Softwareanbieter interessant wurden, und unterdessen ist RED’s Codec praktisch überall implementiert. Ähnliches kann auch mit den Lytro-Datenformaten passieren. Von unserer Seite her sind wir sehr daran interessiert, dass die Lytro-Files mit möglichst vielen Programmen bearbeitet und editiert werden können.» 


Der Zug rollt

Im Lytro-Headquarter in Mountain View herrscht eher die Atomsphäre eines Uni-Campus denn einer Firma. Im Gruppenraum steht ein Tischtennis- und ein Billardtisch. Die Lytro-Crew mit dem Durchschnittsalter einer Fussballmannschaft ist sportlich unterwegs. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es ihnen richtig ernst ist. Mit der Illum beweist die junge Firma, dass der Wurf vor zwei Jahren nicht ein Rohrkrepierer ist, sondern ein Zug, der rollt. Er rollt noch nicht so schnell, Aufspringen ist jetzt noch ganz easy. Der Kamerapreis von 1650 Franken ist kein Pappenstiel, doch er verlockt schon zum Einsteigen in die Lichtfeldfotografie. Die Illum ist eine Kamera, die einem herausfordert, Fotografie in einer neuen Art zu begreifen, umzusetzen und zu teilen. Wer sich dieser Herausforderung stellen möchte, könnte sich ja die Lichtfeldkamera auf den Weihnachts-Wunschzettel schreiben (wenn so grosse Wünsche erlaubt sind). Ich bin mir fast sicher, dass wir an der nächsten Photokina die nächste Generation der Lytro-Kamera sehen werden. Der Zug wird schnell mehr Fahrt aufnehmen. Wer dann schon im Zug sitzt, wird es sicher einfacher haben, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. 

Natürlich gibt es offene Fragen, so zum Beispiel, ob ein Bild, das zu grossen Teilen virtuell errechnet wird, dieselbe Anmutung wie ein zweidimensionales Foto hat. Auf dem Bildschirm konnte ich in dieser Hinsicht nichts feststellen, was irgendwie künstlich gewirkt hätte.

Hat diese Technologie das Zeug, die konventionelle Digitaltechnik zu verdrängen? Diese Frage würde Ihnen jeder Lytro-Mitarbeiter mit einem überzeugten «Ja» beantworten. Aus meiner Sicht ist es klar, dass die Lytro-Technologie gerade die jüngere Generation sehr schnell gewinnen wird. Die älteren Semester werden wohl ihre konventionellen Digitalkameras dann weglegen, wenn dieses neue Verfahren qualitativ dem jetzigen Stand der Digitaltechnik ebenbürtig ist. Daran arbeitet Lytro mit Hochdruck, und wenn es der Firma gelingt, ihre Technologie weiterzuentwickeln, wird man eines Tages vielleicht gar nicht mehr fragen: Fotografierst Du noch, oder lytrografierst Du schon?

 Das «Lytro-Brain» in Mountain View. Rund 120 Personen treiben die Lichtfeld-Technologie voran. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die grossen Brands Google und Microsoft. Ob Lytro auch einmal einen solchen Stellenwert erreichen wird? Die Zukunft wird‘s zeigen.

Das «Lytro-Brain» in Mountain View. Rund 120 Personen treiben die Lichtfeld-Technologie voran. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die grossen Brands Google und Microsoft. Ob Lytro auch einmal einen solchen Stellenwert erreichen wird? Die Zukunft wird‘s zeigen.

 Ein Caterer bringt jeden Tag das Mittagessen für die ganze Belegschaft. Beim gemeinsamen Essen in Uni-Atmosphäre wird natürlich intensiv diskutiert, was der Entwicklung sehr förderlich ist.

Ein Caterer bringt jeden Tag das Mittagessen für die ganze Belegschaft. Beim gemeinsamen Essen in Uni-Atmosphäre wird natürlich intensiv diskutiert, was der Entwicklung sehr förderlich ist.