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Im Blog von Peter und Ursula Schäublin berichten wir von Aktualitäten rund um unser Grafikatelier 720 Grad, über Fotografie und Film, Kajaken und weitere Aktivitäten.

Man hat ja schon 1950 gute Fotos gemacht ...

 
 (Symbolbild, istockphoto.com)

(Symbolbild, istockphoto.com)

Auf meine Vorstellung des neuen Leica SL 1.4/50 mm gab es auf fotointern.ch einige Feedbacks. Vielen Dank dafür. Ich schätze Rückmeldungen sehr, auch und gerade konstruktiv-kritische. Markus M. Wiefeld hat geschrieben: 

«... Bessere Technik macht nicht bessere Bilder. Mehr Schärfe, Auflösung, 3D Effekt… alles schön und gut, aber auch schon 1950 hat man Fotos gemacht, die Emotionen auslösen.»

Vielen Dank Herr Wiefeld für dieses Feedback, dem ich natürlich voll und ganz zustimme. Darf ich Ihre Bemerkung als Steilvorlage für einen kleinen Artikel verwenden? Ich hoffe, das ist ok. 


Zwei Gruppen innerhalb der Gruppe der Fotografierenden sind mir suspekt. Hier eine etwas überspitzte Darstellung dieser beiden Spezies, die aber durchaus ein paar Körnchen Wahrheit enthalten können. Man möge mir verzeihen, dass ich in diesem Artikel durchgehend die männliche Form benütze. Selbstverständlich sind auch Frauen mit eingeschlossen. Ich wage jedoch zu behaupten, dass sich gerade in der ersten Gruppe vorwiegend männliche Wesen tummeln:


1. Der Technikfreak

Der Technikfreak kann stundenlang vor seinem Computer sitzen, Testberichte studieren, MTF-Kurven vergleichen und YouTube Testfilme von irgendwelchen selbsternannten Experten schauen. Gerade letzteres bringt ganz spezielle Blüten hervor. Dampfplauderer machen viel heisse Luft und veröffentlichen manchmal Testvideos zu Kameras, die sie noch nie von Nahem gesehen haben.


Der Technikfreak kann stundenlang vor seinem Computer sitzen, Testberichte studieren, MTF-Kurven vergleichen und YouTube Tesfilme von irgendwelchen selbsternannten Experten schauen. 


 

Nach vielen Stunden des Recherchierens stellt der Technikfreak dann fest, dass seine Ausrüstung nicht mehr auf dem neuesten Stand ist und er logischerweise keine wirklich tollen Bilder machen kann, weil er Kamera X, Objektiv Y oder Zubehör Z nicht besitzt. Weitere Recherchen folgen. Irgendwann geht es dann darum herauszufinden, wo das neue Zubehörteil möglichst günstig online eingekauft werden kann. Beratung braucht er nicht. Er weiss ja bereits alles, und auch ein erfahrener Fachverkäufer kann ihm nichts Neues mehr vermitteln.

Wenn es das Budget erlaubt, wird der Technikfreak seine Ausrüstung erweitern. Er wird auch danach weiter recherchieren und feststellen, dass bereits nach einigen Wochen oder Monaten ein noch besseres Modell auf den Markt gekommen ist. Wieder muss er eifrig vergleichen und sich durch Onlineportale quälen um ganz sicher zu sein, dass dieses neue Teil noch eine halbe Blendendstufe mehr Dynamikumfang hat oder die Randunschärfen noch etwas besser korrigiert sind.


2. Der Superkreative

Dem Superkreativen ist Technik völlig egal. Er hängt sich eine Retrokamera um, wenn immer möglich nur mit einer Fixbrennweite. Zooms sind etwas für Fotografierende, die unkreativ und faul sind. Wenn er sich einmal für eine Kamera entschieden hat, bleibt er lange bei seiner Wahl. Es ist ja nicht die Technik, die das Bild gut macht. Allenfalls eine Kamera mit Krokodilbelederung oder ein besondere Designvariante seiner Kamera können ihn verleiten, etwas Neues zu kaufen. 


Der Superkreative hängt sich eine Retrokamera um, wenn immer möglich nur mit einer Fixbrennweite.


 

Bei der Bildbearbeitung ist er ebenfalls sehr puristisch. Vielleicht mal ein vorgefertigter Filter, der gerade en Vogue ist, damit seine Bilder auch so aussehen, wie die anderen, die er auf Instagram gesehen hat …

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht – mir sind von beiden Spezies schon Exemplare begegnet.


Und worum geht es denn?

«Fotografare» heisst ja «Malen mit Licht». Darum geht es. Dabei ist ein gewisses Mass an technischem Verständnis und Informiertsein über den aktuellen Stand von Technologien hilfreich. Wer jedoch – bewusst oder unbewusst – denkt, seine Bilder würden mit einer technisch besseren Kameraausrüstung automatisch auch besser, der irrt. Genauso wenig werden Bilder besser, wenn man sich besonders kreativ fühlt, ganz bewusst puristisch unterwegs ist oder sogar noch analog fotografiert. 

Für mich ist das Spannende an der Fotografie, dass ich immer wieder neu sehen lernen darf. Es ist eine Schule, die nie aufhört, mich herausfordert, aber auch reich beschenkt. Ich entdecke Neues, weil ich mich mit meinem Umfeld intensiver auseinandersetze. Eine gute Kameraausrüstung ist hilfreich, aber kein Garant für herausragende Bilder. Viel wichtiger ist die permanente Schulung der Fähigkeit, das Entscheidende, das Spannende, das Besondere, das Berührende zu sehen. Das braucht neben meinen beiden Augen einen wachen Verstand und die Bereitschaft zu gehen, um diese Motive zu finden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das wiederum braucht Zeit. Es gibt Motive, deren Potenzial sich erst nach einer längeren Auseinandersetzung mit ihnen erschliesst. Oder die eine gewisse Tageszeit oder Wettersituation benötigen, um so richtig zur Entfaltung zu gelangen. Sich diese Zeit zu nehmen, ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können oder wollen. 


Eine gute Kameraausrüstung ist hilfreich, aber kein Garant für herausragende Bilder. Viel wichtiger ist die permanente Schulung der Fähigkeit, das Entscheidende, das Spannende, das Besondere, das Berührende zu sehen.


 

Die Kameraausrüstung ist in diesem Prozess Mittel zum Zweck. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich benötige ich eine der Aufgabe angepasste Hardware. Wenn ich ein Bild, das sich mir erschliesst, festhalten möchte, benötige ich zudem das dafür notwendige Wissen, wie ich zum gewünschten Bildresultat komme. Dieses Wissen kann man sich aneignen.

Lassen Sie sich auf den inneren Dialog ein, der die Ausgangslage für besondere Bilder ist. Er wird Sie oft herausfordern, aber auch oft beschenken, indem sich Ihnen Dinge offenbaren, die Sie ohne diesen inneren fotografischen Dialog nicht entdeckt oder erlebt hätten. Diesen Weg haben Fotografen auch schon 1950 beschritten. Deshalb gibt es aus dieser Zeit – wie auch aus der Zeit davor und danach – herausragende Bilder. Dies obwohl sie vielleicht technisch nicht einmal «perfekt» sind. Es ist ja auch nicht die Perfektion, die unsere Herzen berührt, sondern die Emotionen.

«Photography helps people to see» – dieses Zitat von Berenice Abbott (US-Fotografin, 1898 – 1991) bringt es auf den Punkt.

 

photography helps people to see

PS: Wenn ich über technische Neuentwicklungen berichte, versuche ich immer wieder, darauf hinzuweisen, dass herausragende Fotos nicht in erster Linie eine Frage der Ausrüstung sind. Trotzdem gibt es aus meiner subjektiven Sicht immer wieder interessante technische Aspekte, auf die ich gerne hinweise. Beim Leica SL 1.4/50mm habe ich auf das enorme Potenzial hingewiesen, das in den Bildern steckt, die mit diesem Objektiv aufgenommen worden sind. Vielleicht haben einige nicht verstanden, was es mit meinen Ausschnitten in 400% der Origianlgrösse auf sich hat. Das vertieft zu erklären, wäre ein weiteres Thema für einen Artikel …