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Im Blog von Peter und Ursula Schäublin berichten wir von Aktualitäten rund um unser Grafikatelier 720 Grad, über Fotografie und Film, Kajaken und weitere Aktivitäten.

Wie sehr beeinflusst die Kamera das Bildresultat?

 

Der blühende Magnolienbaum in unserem Garten ist für mich jedes Mal eine visuelle Orgie, eine Explosion der Zartheit, ein verschwenderischer Duft von Schönheit und Geruch. Bereits nach wenigen Tagen ist der Rausch vorbei, die Blüten fallen zu Boden, und es geht wieder ein Jahr, bis sich der kurze, intensive Höhepunkt wiederholt.

2014 habe ich diese Pracht zum ersten Mal bewusst fotografiert. Es hat mich so fasziniert, dass ich mir vorgenommen habe, die Magnolienblüten jedes Jahr im Bild festzuhalten. Ohne dass ich es bewusst geplant hätte, sind in den letzten vier Jahren Bilder mit drei verschiedenen Kamerasystemen entstanden. Und plötzlich stand die Frage im Raum, wie sehr denn das Kamerasystem das Bildresultat beeinflusst.


Was ist wirklich entscheidend bei der Wahl eines Kamerasystems?

Meine Leser wissen, dass ich Vergleiche liebe. Gestatten Sie mir folgende Gedanken: Spielt es beim Autokauf eine Rolle, ob ein Wagen 100 oder 120 PS hat? In den wenigsten Fällen. Spielt es eine Rolle, ob eine Kamera 20 oder 24 Megapixel hat? In den wenigsten Fällen. Beim Autokauf stellen Sie sich zuerst die grundsätzliche Frage, für welchen Zweck Sie Ihren Wagen einsetzen wollen. Für Flanierfahrten an Wochenenden werden Sie ein komplett anderes Segment in Betracht ziehen als für ein Alltagsauto für eine fünfköpfige Familie. Bei der Wahl Ihrer Kamera werden Sie sich Gedanken machen (müssen), wo denn Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt. Ein/e Sportfotografin braucht ein ganz anderes Werkzeug als ein/e Fineartfotograf/in.

Kehren wir wieder zurück zum Auto: Wenn Sie sich einmal für einen bestimmten Autotypen entschieden haben, werden Sie vielleicht die technischen Daten vergleichen. Sicher aber werden Sie die verschiedenen Autotypen probefahren und spüren wollen, wie es sich anfühlt, in diesem Wagen zu sitzen und ihn zu fahren. Und bei der Kamera? Nehmen Sie sich die Zeit und Mühe, verschiedene Kameras in die Hand zu nehmen, zu spüren, wie sie sich bedienen lassen, wie ihre Haptik Ihre Kreativität beflügelt oder lähmt? Ich gebe zu – es braucht etwas Erfahrung, um in diesen Prozess hineinzugehen und die Kamera zu finden, die zu einem passt. Ich wage aber zu behaupten, dass viele die Abkürzung nehmen, die technischen Daten studieren, noch ein paar Testberichte lesen und dann ihre Kamera zum Schnäppchenpreis im Onlineshop bestellen. Womöglich lassen Sie ihre Wahl noch durch ein Sonderangebot beeinflussen.

Doch welche Parameter haben einen Einfluss auf das Bildresultat? Ist das Kamerasystem der oder zumindest einer der Parameter? Wenn es andere Parameter gibt – welche?

Machen Sie sich mit mir auf eine Reise durch die letzten vier Jahre, bevor ich meinen Schluss ziehe:

 

2014

Ich fotografiere im Jahr 2014 mit der Canon EOS 5D MkIII. Gerade habe ich ein neues 50 mm Makroobjektiv gekauft, was dazu führt, dass vor allem Nahaufnahmen der Magnolien entstehen:


2015

Meine Fotoausrüstung ist immer noch dieselbe, und die Bilder ähneln jenen aus dem Jahr 2014 stark. Deshalb hier nur eine kleine Auswahl.


2016

Nachdem ich über 30 Jahre von einer Leica geträumt habe, stellt die Marke mit dem roten Punkt Ende 2015 die spiegellose Leica SL vor. Für mich ist es die erste Kamera, die einen so guten elektronischen Sucher hat, dass ich mir vorstellen kann, in Zukunft nicht mehr mit einer Spiegelreflexkamera zu fotografieren. Die Vorteile der spiegellosen Konstruktion sind wesentlich grösser als die Nachteile (s. dazu meinen Blogartikel «Spieglein, Spieglein in der Kamera – wie lange wird es dich noch geben?»). Weil ich nur ein Objektiv – das dazu gehörige 24–90mm SL-Zoom – habe, fallen die Bilder nicht mehr so markomässig aus. Zudem hat es in der Zeit der Blüte geregnet, wie man unschwer feststellen kann. In der Bildbearbeitung traue ich mir etwas mehr Verfremdung der Fotos zu, um die Stimmungen, die ich empfunden habe, stärker herauszuschälen.


2017

Ich teste gerade für Panasonic die GH5. Nebst dem Leica 12–60 mm habe ich auch das 100–400 mm (entspricht im Vollformat einem 200–800 mm) zur Verfügung. So enstehen Bilder mit teilweise sehr dichten Perspektiven. Einmal fotografiere ich kurz vor dem Eindunkeln, und die Blüten erscheinen in der Blue Hour viel kälter als in den Jahren zuvor. Diesen Effekt verstärke ich teilweise in der Nachbearbeitung noch. Die Kamera ist klein und handlich und lädt zum spontanen Fotografieren ein.


was beeinflusst das bildresultat nun wirklich?

Aufgrund der Ergebnisse aus den letzten vier Jahren ziehe ich Zwischenbilanz und mache folgende Faktoren für die Beeinflussung des Bildresultats aus:


Wettersituation und Tageszeit

Es liegt auf der Hand: Wenn Sie nicht im Studio fotografieren, wird das Wetter und die Tageszeit eine grossen Einfluss auf Ihr Bildresultat nehmen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen man nur bei Sonnenschein fotografierte. Wetterfeste Kameras, hochlichtstarke Objektive, bessere Bildresultate in hohen ISO-Zahlen, leichte Carbonstative und vieles mehr haben auch für die breite Masse der Fotografierenden die Möglichkeiten stark erweitert. Tolle Bilder auf verschiedenen Socialmedia-Plattformen spornen uns zudem alle an, unsere fotografischen Grenzen permanent zu erweitern.

Ebenfalls wesentlich für das Bildresultat ist, ob ich nur mit dem vorhandenen Licht arbeite, oder ob ich es durch Hilfsmittel wie Reflektoren, Lampen und Blitze ergänze oder gar übertöne.


Persönliche Befindlichkeit

Die Stimmung, in der ich mich im Moment der Aufnahme und auch im Moment der Bildbearbeitung befinde, beeinflusst das Bildresultat ebenfalls wesentlich. Ist meine Gemütsverfassung gerade eher etwas heller oder dunkler? Bin ich gerade eher extrovertiert oder mehr introvertiert drauf? Verarbeite ich gerade ein grösseres Lebensereignis, das mich fröhlich, nachdenklich oder gar traurig stimmt? Meine innere Befindlichkeit im Moment des Fotografierens und im Moment der Bildbearbeitung beeinflusst das Resultat wesentlich. Sicher kennen Sie folgende Situation: Sie bearbeiten an einem Nachmittag bis spät in die Nacht hinein Ihre Fotos und gehen dann zufrieden ins Bett, im Wissen, dass Sie Ihre Fotos genau so bearbeitet haben, wie Sie sie haben wollen. Am anderen Tag schlafen Sie aus, gönnen sich ein gutes Frühstück und schauen Ihre Bilder dann nochmals an. Und fangen wieder an, an Ihnen herumzuwerkeln, obwohl Sie eigentlich am Vorabend ganz sicher waren, dass Sie Ihnen genau so perfekt gefallen. Meines Erachtens hat das einerseits damit zu tun, dass man die Bilder mit einer gewissen zeitlichen Distanz nochmals anders sieht, aber es hat auch damit zu tun, dass ich nach einem langen Tag und viel Bildbearbeitung in später Nachstunde eine ganz andere innere Befindlichkeit als am darauf folgenden sonnendurchfluteten Morgen nach einem reichhaltigen Frühstück habe.

Je nach gewünschter Stimmung oder der aktuellen persönlichen Befindlichkeit entsteht in der Postproduction aus derselben Grunddatei ein ganz anderes Bild.


Verfügbare Objektive

Losgelöst von der Frage nach dem Kamerasystem als solchem hat die Auswahl der verfügbaren Objektive einen Einfluss. Mit dem Supertele entstehen logischerweise ganz andere Aufnahmen als mit einem Makroobjektiv. Dabei heisst es aber nicht, dass mehr Objektive bessere Bildresultate zur Folge haben. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: Die ungewollte oder bewusst gewählte Beschränkung auf ein einzelnes Objektiv fordert mich heraus, mich mehr mit meinem Motiv auseinanderzusetzen, anders zu denken, neu zu sehen (s. dazu auch meinen Artikel «24/1 – 24 Stunden Flughafen Zürich mit einem Fix-Objektiv»).


Kamerasystem

Meines Erachtens spielt die Wahl der Kamera in diesem Mix aus Einflussfaktoren auch eine wesentliche Rolle. Eine «schnelle», kompakte Kamera kann mir helfen, spontan zu fotografieren. Sie kann mich aber auch dazu verführen, oberflächlich zu bleiben und nicht in die Tiefe vorzudringen. Eine «langsame», grosse Kamera kann mir helfen, ganz bewusst hinzusehen, mir viel zu überlegen, bevor ich den Auslöser drücke. Sie kann mich aber auch hindern, den spontanten Moment, das Ungeplante, einzufangen. In diesem Prozess des Be- oder Entschleunigens ist zudem mitentscheidend, ob ich mit oder ohne Stativ arbeite. 

Die Bedienbarkeit und die Haptik der Kamera können meinen Arbeitsfluss unterstützen oder hemmen. Mich hat zudem der spiegellose Sucher mit unmittelbarer Anzeige des Motivs mit der entsprechenden Schärfentiefe und der Wirkung mit bewusst gewählten Über- oder Unterbelichtungen zusätzlich beflügelt.

Es ist aus meiner Sicht unabdingbar, dass man eine Kamera, die man erstehen möchte, zuerst einmal ausprobiert. Ein «Erstkontakt» kann an einer Messe wie beispielweise dem Digitalevent, der Pix oder der Photokina erfolgen. Auch sehr zu empfehlen ist der Gang zum Fachhändler, bei dem gerade Einsteiger in die Fotografie vom Wissen der Verkaufsberater profitieren können. Es ist Ehrensache, dass man dann seine Kamera auch bei diesem Händler kauft, auch wenn es ein paar Fränkli oder Euro mehr kostet als beim Geizistgeilinternetanbieter. Vielleicht können Sie eine Kamera vor dem Kauf sogar für ein Wochenende mieten, und der Händler rechnet Ihnen die Miete bei einem Kauf an. So haben Sie die Möglichkeit auszuprobieren, wie sich die Kamera im Gebrauch anfühlt, bevor Sie sie kaufen.

Für Einsteiger sind auch Fotokurse eine hilfreiche Möglichkeit bei der Suche des geeigneten Kamerasystems. Wenn Sie noch keine Kamera besitzen, stellt Ihnen vielleicht der Kursleiter eine zur Verfügung, und Sie dürfen sicher auch mal die Kameras der anderen Teilnehmer ausprobieren. So können Sie unter Umständen in kurzer Zeit einige verschiedene Kameras im praktischen Einsatz kennenlernen.


Intensität der Auseinandersetzung mit einem Motiv

Egal, was Sie fotografieren: Je öfter Sie eine Person, eine Landschaft, einen Gegenstand oder was auch immer fotografieren, desto mehr Nuancen und Blickwinkel werden Sie entdecken. Wenn Sie einmal ein bestimmtes Bildresultat umgesetzt haben und sich weiter mit dem Motiv auseinandersetzen, möchten Sie – bewusst oder unbewusst – neue Aspekte, neue Blickwinkel entdecken. Dadurch vergrössern Sie auch Ihr fotografisches Wissen, Ihre Fähigkeit bewusst zu sehen und Ihre Kenntnisse in der Bildbearbeitung. Und das führt dann logischerweise zu immer anderen Resultaten.



Und welches sind jetzt die schönsten Magnolienfotos?

Zeige ich die Auswahl meiner Magnolienfotos einigen Personen und bitte sie, ihr persönliches «Favoritenbild» auszuwählen, dann werde ich völlig verschiedene Feedbacks erhalten. Einer Person gefällt das Makrobild von 2014, weil es den Blütenstempel so schön zeigt, eine andere ist fasziniert von den Regentropfen in den Bildern von 2016, wieder eine andere entscheidet sich für das farblich verfremdete Bild aus 2017 – und genau dieses Foto gefällt dann übrigens der Person, die das Makrobild gewählt hat, überhaupt nicht.

Und das ist die Faszination des Fotografierens: Sie hilft mir und dem Betrachter, zu sehen. Bewusst zu sehen.


Die Kamerabilder sind Pressebilder der jeweiligen Hersteller. Alle übrigen Fotos sind © by Peter Schäublin.