Blog

Im Blog von Peter und Ursula Schäublin berichten wir von Aktualitäten rund um unser Grafikatelier 720 Grad, über Fotografie und Film, Kajaken und weitere Aktivitäten.

Carte blanche in Island

Grosses Kino beginnt im Kopf

Bilder entstehen immer zuerst im Kopf, und die Kamera ist der Pinsel, mit dem sie gemalt werden. Normalerweise fotografiere ich mit einem konzeptionellen Ansatz, dem ich dann folge. Doch dieses Mal war alles etwas anders. Weil jemand in einer Fotografen-Reisegruppe kurzfristig ausfiel, kam ich anfangs Jahr sehr überraschend zu einer einwöchigen Reise durch Island. Unsere Abmachung: Überall dort, wo Bilder in unserem Kopf entstehen, halten wir an – eine Art Carte blanche zum Fotografieren.

Bereits im Sommer 2014 waren Ursula und ich ja in Island unterwegs, um das Iceland Art Project zu realiseren – grossformatige, eher abstrakte Bilder, die wir auf Metallplatten präsentierten, die wir während der dreiwöchigen Reise verwittern liessen. Dieses Mal war das Zeitfenster enger, was ich etwas bedaure. Zeit zu haben ist für mich das A und O in der Fotografie. Einfach schnell aus dem Auto hechten, ein paar Bilder machen und dann weiterfahren, ist nicht mein Ding. Ich möchte mich mit meinem Motiv auseinandersetzen, es ausloten, es spüren. Nur wenn ich Zeit habe, kann ich Bilder realisieren, die tiefere Schichten als das Offensichtliche zeigen. Ein Beispiel dafür ist das Bild eines Schneefelds mit einem verhangenen Himmel. Eigentlich nichts Spektakuläres. Doch es transportiert für mich die Ruhe, Weite und Einsamkeit des isländischen Winters. Das Foto ist auf einem längeren Fussmarsch entstanden, der mir genügend Zeit gegeben hat, die Umgebung und den sich verändernden Himmel zu beobachten. Und plötzlich bildete sich dieses Bild in meinem Kopf, das ich dann mit der Kamera festgehalten habe.

Leica SL mit Leica Vario-Elmarit SL 2.8-4.0/24-90mm auf 47 mm // 1/125 sec // f 8.0 // 200 ISO
Um die Nuancen im Himmel wahrnehmen zu können, benötigen Sie einen guten Monitor.


Leider war nicht immer so viel Zeit zum langen Beobachten. Die kurze Reisedauer und die kurzen Tage haben uns gezwungen, sehr konzentriert zu fotografieren und manchmal eine Location früher zu verlassen, als es uns lieb war. Dennoch bin ich mit unglaublich intensiven Bildern zurückgekommen – manche voller Farbe wie die Fotos der Eisplatten, in denen sich das Sonnenlicht spiegelt, andere gefüllt mit den leisen Farbtönen des isländischen Winters. Es war ein milder Januar in Island, und ich habe mit mehr Schnee gerechnet. Doch wie bereits 2014 hat mich Island auch dieses Mal völlig in meinen Bann gezogen. Ob bei -12°C am Dettifoss oder bei +12°C und Sturmböen auf Snaefelsness – wir wurden mit speziellen Stimmungen verwöhnt, die uns oft richtig umgehauen haben.

Sonnenaufgang am Dettifoss bei -12°C. Die SL hat in allen Bedingungen hervorragend funktioniert. Foto: Armin Unger

Leica SL mit Leica Vario-Elmarit SL 2.8-4.0/24-90mm auf 24 mm // HDR mit 2.5 sec / 1.3 sec / 0.6 sec / 0.3 sec // f 16.0 // 50 ISO // Stativ


Ich fotografiere eigentlich nicht gerne Wasserfälle, wahrscheinlich weil sie einfach so oft fotografiert werden und jeder dann mit einer Langzeitbelichtung das Wasser weich darstellt. Doch hier musste ich einfach abdrücken. Der ganze Himmel brannte, und der Wasserfall wurde in ein pinkfarbenes Licht getaucht.

Die Motive

Wir haben uns primär auf die Nord- und die Westküste konzentriert, um uns nicht zu verzetteln. Sturmböen, Regen, beinahe kitschige Sonnenauf- und Untergänge – alles war drin in diesen wenigen Tagen. Was dann unbedingt noch sein musste, war ein Abstecher am letzten Tag zum Flugzeugwrack im Südwesten. Viele kennen die Überreste dieser DC3, die 1973 am Strand notlanden musste. Es kamen keine Personen zu Schaden, und offensichtlich fühlte sich niemand zuständig, das Wrack zu entsorgen. Deshalb rottet das Flugzeug seit über 40 Jahren vor sich hin und wird langsam von Schnäppchenjägern zerlegt. Die ganze Woche habe ich gehofft, diese letzten Bilder mit Schneefall realisieren zu können.

islandpferde

2014 habe ich kein einziges Islandpferd fotografiert, obwohl es mich oft in den Fingern gejuckt hat. Doch damals waren Ursula und ich auf ein anderes Thema fokussiert. Dieses Mal haben uns die Natur und die wunderschönen Pferde so verwöhnt, dass ganz viele Pferdefotos entstanden sind. Ich versuche immer, Übersichtsfotos zu realisieren, in denen man das Motiv in der Umgebung wahrnehmen kann, und dann aber auch Details, um dem Betrachter die kleinen, manchmal verborgenen Dinge zu zeigen.»

Klicke auf das Bild für eine vergrösserte Ansicht. Wenn Du dann mit dem Mauszeiger über das Foto fährst, werden die technischen Daten sichtbar (gilt für alle Galerien).


Der Eissee

Etwas östlich von Akureyri sind wir auf einen zugefrorenen See mit wunderschönen Eisplatten gestossen. Bei unserem zweiten Besuch an diesem See hat der Sonnenaufgang die Eisplatten in glühende Kunstwerke verwandelt – buchstäblich Fire and Ice. Um Strukturen herauszuarbeiten, belichte ich teilweise knapp und verstärke den Kontrast in Lightroom etwas. Bei keinem der Bilder habe ich die Sättigung erhöht. Wenn’s kitschig ist, dann war’s also tatsächlich so in natura.


Die Farben des Winters

Der isländische Winter hat natürlich auch ganz viele feine Farbnuancen – der weisse Schnee, der schwarze Lavasand, die ockerfarbenen Grasbüschel und der stahlblaue Himmel sind hauptsächlich für einen tief beeindruckenden Farbenmix verantwortlich.


Dünnes Eis

Ein Phänomen, das ich so noch nie gesehen habe. Eine ganz dünne Eisschicht, die das Ufer bedeckt. Zudem wachsen durch die Verdrängung beim Gefrieren dünne Eisplättchen an den Steinen hoch. Eines hat ein Muster gebildet, das wie ein vereistes Blatt aussah. Ganz grosses Kino der Natur.


Das Meer

Das Meer in all seinen Formen war auf unserer Reise praktisch immer präsent. Ich habe immer wieder mal versucht, etwas experimentell zu arbeiten.


Das Flugzeugwrack

Am letzten Tag hat der Himmel tatsächlich noch ein paar Schneeflocken aus sich herausgedrückt. Ich hätte mich gefreut, wenn der Schneefall noch intensiver gewesen wäre. Doch nach so einer grandiosen Zeit in Island ist das Jammern auf hohem Niveau. Ich hatte 1 1/2 Stunden Zeit für die Bilder, doch nur während 10 Minuten hatte ich das Wrack ganz alleine für mich. In diesem kurzen Zeitfenster habe ich mit full Speed so viele Übersichtsaufnahmen wie möglich realisiert. Dann kamen wieder Leute, und ich habe mich auf Detailansichten konzentriert. Besonders faszinierend ist für mich die Aufnahme des Innenraums. Das Motiv zieht den Blick wie einen Trichter rein.


bewegt in jeder hinsicht

Es waren sieben intensive Tage, und es gäbe noch mehr Bilder zu zeigen. Wenn ich im Flow bin, dann muss ich nicht mehr fotografieren, sondern es fotografiert einfach. Und dann gibt es die Momente, in denen ich meine Leica auf Filmen umstelle. So ganz nebenbei habe ich das da und dort gemacht – oder auch mal eine Bildserie mit zehn Bildern pro Sekunde realisiert. Zurück zuhause habe ich meinem Freund, dem Filmmusik-Komponisten Sebastian Bach diese Clips ungeschnitten gesendet und gefragt, ob ihn die Bilder inspirieren. Dann das Gänsehaut-Erlebnis: Sebastian hat parallel, ohne meine Clips zu kennen, Musik komponiert, die besser nicht passen könnte. Entstanden ist eine Fusion aus Musik und bewegten Bildern, die die verschiedenen Aggregatszustände des Wassers zeigt. Für den Movie habe ich Helligkeit, Farben und Kontraste so angepasst, dass die Clips mit der Musik harmonieren. Einfach den Play-Button klicken. Gute Lautsprecher sind von Vorteil …


Farbe oder Schwarzweiss?

Bei manchen Motiven bin ich im Dilemma. Mehr dazu in einem separaten Blogartikel.